Kapitel XVI · 1 Min. Lesezeit
Das Geheimnis von „W’einenu“
Abwesenheit als struktureller Takt
וְאֵינֶנּוּ.
Originaltext
„Und er war nicht mehr.“
Die gewöhnliche Lesart ist Abwesenheit.
Die tiefere Lesart kann eine andere Möglichkeit fassen.
Er ist nicht mehr in der Weise sichtbar, in der man ihn kannte.
Das ist nicht dasselbe wie Nichtsein.
Verbergung wechselt das Register.
Der Same verschwindet in der Erde, und Monate später erscheint ein Baum. Der Same fehlt dem Baum nicht, und doch ist er in seiner früheren Gestalt nicht mehr verfügbar.
Ein Gedanke zieht sich zur Rede zusammen. Der Gedanke ist nicht verschwunden, aber der Hörende empfängt ihn durch ein anderes Gewand.
Eine Mutter trägt Leben, bevor sonst jemand sein Gesicht sehen kann.
Verborgen heißt nicht leer.
Chanoch wird zur menschlichen Gestalt dieses Grundsatzes.
Die Tora nimmt ihn aus der sichtbaren Genealogie.
Die jüdische mystische Tradition findet ihn in einem anderen Gewand wieder.
Vielleicht konnte er deshalb nicht ganz „verloren“ gehen.
Das Verborgene übte weiter Druck auf die Tradition aus.
Ein Vers blieb offen.
Eine Frage blieb.
Ein Name tauchte wieder auf.
Ein Schreiber stand im himmlischen Palast und sagte:
Ich bin Chanoch ben Jered.
Die Verbergung hatte die Identität bewahrt.